Radio Nacht - europapolitische Lesung im Landtag

Wenn Gott unser Vater ist, dann ist der Teufel unser Busenfreund. – So beginnt der Roman „Radio Nacht“ des ukrainischen Schriftstellers Juri Andruchowytsch – und so begann der 62-Jährige am Mittwoch, den 02. November 2022 auch seine Lesung im Schleswig-Holsteinischen Landtag, die von der Europa-Union Kiel initiiert und in Kooperation mit der Europa-Union Schleswig-Holstein durchgeführt wurde.

Foto: Schleswig-Holsteinischer Landtag

Mit Juri Andruchowytsch konnte einer der bekanntesten europäischen Schriftsteller der Gegenwart gewonnen werden, der aufgrund seiner Herkunft und Geschichte gerade in dieser Zeit eine besondere Aufmerksamkeit erfährt. Sein Werk erscheint inzwischen in rund 20 Sprachen und wurde dafür bereits mit zahlreichen Preisen geehrt, etwa 2006 mit dem „Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung“ und in diesem Jahr mit dem „Heine-Preis der Stadt Düsseldorf“.

In dem 2022 auf Deutsch erschienen Buch „Radio Nacht“ (im Original erstmals 2020 erschienen) geht es um Josip Rotzky, ein Pianist unklarer Identität, der in einem Schweizer Hotel für den vorletzten Diktator Europas spielen muss, dabei zum Attentäter wird und schließlich flüchtet. Das Land, in dem die Geschichte größtenteils spielt, bleibt ungenannt. Es wird beschrieben, wie ein postsowjetischer Staat, der in gespenstischer Aktualität an die Ukraine erinnert, bei dem es sich aber z.B. auch um Belarus handeln könnte. Am Ende seiner Flucht landet Rotzky auf einer Insel am Null-Meridian, von wo aus er übers Radio Musik, Poesie und Geschichten in die Welt sendet. Dabei spielt gerade die Musik eine ganz besondere Rolle in dem Roman, der Dank eines QR-Codes im Einband mit einem eigenen Soundtrack (Empfohlen für nächtliches Hören) aufwartet.

„Radio Nacht“ ist die Geschichte einer Identitätssuche zwischen einem autokratischen Osten und einem liberalen Westen Europas. Ein Thema, dass seit dem russischen Überfall auf die Ukraine wieder überdeutlich ins Bewusstsein gerückt ist. Wie sehr, zeigt die Beteiligung  an der Lesung im Landtag.

Fast 200 Menschen kamen, um zu hören, wie Juri Andruchowytsch auf Deutsch aus seinem Buch vorträgt, aber auch um den Autor einmal hautnah zu erleben. Nach der Begrüßung durch Landtagspräsidentin Kristina Herbst und dem Vorsitzenden der Europa-Union Kiel, Wilfried Saust, war es dann auch soweit. Im Anschluss an die Lesung folgte eine moderierte Gesprächs- und Fragerunde. Schlusspunkt war dann eine Signierstunde mit Juri Andruchowytsch – eine Gelegenheit, die sich die allermeisten nicht entgehen ließen.